Antje Vowinckel: Echtzeitrachen

Antje Vowinckel

„Echtzeitrachen“

Kleine Vorgeschichte meines Hörstückes „Rochenununterbrochen. Eine automatische Stunde“, das auf Sprachimprovisationen von Echtzeitmusikern beruht

Wieso interessiert sich jemand sein Leben lang für Hörspiel und improvisierte Musik?  Improvisierte Musik lebt stark aus dem Moment – auch wenn sich natürlich Konzepte etabliert und Erfahrungen in die Musiker eingeschrieben haben -, während  das Hörspiel eine stark kontrollierte, arbeitsteilige und meistens auch institutionalisierte Kunstform ist, in der fast alles von langer Hand vorbereitet wird. Außerdem ist das Hörspiel ein illusorisches Genre, das davon lebt, dass man den Schauspielern ihre Rolle abnimmt,  ein Genre, das von Bildern lebt, auch wenn es die im eigenen Kopf sind. Also zwei eigentlich ziemlich gegensätzliche Genres. Vielleicht liegt die Gemeinsamkeit eher darin, dass beide Formen ohne große Events und ohne viel Eintrittsgeld auskommen? Zumindest spricht das meinen westfälischen Sinn für Sparsamkeit und Understatement an.  Jedenfalls habe ich früher oft allein vor dem Radio gesessen und ohne die Künstler zu kennen, ohne einen Veranstaltungsort zu besuchen, mich für viele Stücke begeistert. Und wenn ich nicht im Sendegebiet des WDR war, kam es vor, dass ich Freunde anrief, die den Hörer vors Radio legten, damit ich ein Stück hören konnte.

 

Im ersten Live-Konzert mit improvisierter Musik, das ich mit sechzehn hörte, gab es keine einleitenden Worte eines Moderators wie ich sie aus dem Radio kannte. Ich hielt daher das erste Set noch für eine Einspielphase, und erst durch den Applaus des Publikums wurde mir klar, dass ich schon ein Konzert gehört hatte. Dieses Aha-Erlebnis erschütterte meine Hörgewohnheiten, und führte dazu, dass ich auch im Radio auf andere Sachen neugierig wurde. Ich entdeckte in den Sendungen des WDR Studio Akustische Kunst, – das damals noch zur Hörspielredaktion gehörte -, auch bald die nicht-illusorischen, musikalisch ausgerichteten Stücke, in denen Sprache nicht mit Rollen und Geschichten verbunden war, sondern eine materiale Qualität hatte. Und hier gibt es durchaus Parallelen zur Echtzeitmusik in der oft auch die materialen, geräuschhaften Qualitäten der Instrumente im Vordergrund stehen. Improvisation kam im Radio allerdings nie vor, obwohl man Sprachimprovisationen in Jazzkonzerten zu der Zeit manchmal hören konnte.

Begeistert war ich deshalb, als ich ein Stück entdeckte, in dem doch beides zusammen kam: die Improvisation und die Sprache. Mauricio Kagels Stück „Hörspiel – ein Aufnahmezustand“ ist für mich das spannendste Stück in dieser Richtung. Es fasziniert mich bis heute und war eine wichtige Inspiration für „rochenununterbrochen“. Kagel hatte für dieses Stück mehrere Musiker ins Studio eingeladen, angeblich um mit ihnen Musikaufnahmen zu machen. Während der Anspielproben waren die Mikrofone bereits auf,  das Band lief, und Kagel hat ausführliche, aber in keiner Weise vorbereitete Dialoge mit den Musikern geführt, die zusammen mit der Probenmusik das eigentliche Material des Stückes bilden. Es ist am Ende eine Komposition, aber das Material wurde durch Improvisation gewonnen.

Es sind Dialoge, wie man sie niemals hätte schreiben können. Kagel hat ein vermeintliches Nebenprodukt zur Hauptsache erklärt und nur, weil es zunächst Nebensache war, wirken die Beteiligten so authentisch, wie es Schauspieler niemals sein können. Das Stück ist nun vierzig Jahre alt, und es hat nicht viele weitere Versuche in dieser Richtung gegeben, auch wenn sich die Ars Acustica längst etabliert hat.

Als ich im Jahr 2000 nach Berlin kam und nach längerer Pause wieder begann, improvisierte Musik bzw. Echtzeitmusik zu hören, haben mich immer noch die Abwesenheit von Event- und Starkult angezogen, aber auch die neue reduzierte und oft überraschend mechanische Spielweise, vor allem der Blechbläser, die z.B. Tuba und Trompete wie Maschinen klingen lässt und auf jede künstliche Dramatisierung in Form von expressiven Crescendi oder eruptiven Staccati wie man sie aus dem Free Jazz kennt, verzichtet. Die Musik ist konzeptueller und gleichzeitig näher an den mechanischen Klängen unserer Umwelt. Als Hörer ist man stark gefordert, denn der Reiz liegt oft in den Binnenstrukturen der Klänge. Änderungen der Zungenstellung, der Ventile oder des Mundinnenraums bewirken minimale Verlagerungen im Klangspektrum, die weniger durch organische Metamorphosen als vielmehr durch abrupte, stufenartige Kontraste überhaupt erst hörbar werden. Ich dachte irgendwann, dass es interessant sein müsste, die Stimme auch einmal wie eine Maschine, einen Automaten zu behandeln und Stimm-Performer gezielt wegzubringen von organischen Bögen und den oft gestischen, an menschliche Kommunikation angelehnten Klängen.

Dies war ein Grundgedanke für „rochenununterbrochen“. Ein anderer Gedanke hat sich einerseits über Kagels „Aufnahmezustand“, andererseits aus dem Hören älterer Sprachkurse ergeben, die ich in meinem Stück „Call me yesterday“ verwendet hatte. Es ist die Erfahrung, dass Authentizität sich nur schwer willentlich herstellen lässt, sondern häufig eher als Nebenprodukt entsteht (wie die Musik in den eigentlich auf perfekte Aussprache ausgerichteten Sprachkursen oder den Äußerungen, die Kagel durch die vermeintliche Einspielprobe gewonnen hat).

Diese Erfahrung habe ich an einem regnerischen Sonntagmorgen auch selbst angewendet. Ich beschloss, von einer Sekunde auf die andere, eine Stunde lang ohne Unterbrechung zu reden. Ich stand dabei auf, duschte, frühstückte und habe mich amüsiert wie schon lange nicht mehr. Davon ermutigt, habe ich später zwanzig Menschen, darunter viele Echtzeitmusiker, gebeten, jeweils eine Stunde lang ohne jede Unterbrechung zu sprechen und sich dabei selbst aufzunehmen. Sie bekamen von mir das Aufnahmeequipment und eine technische Einleitung; danach bin ich gegangen. „Ohne jede Unterbrechung“ sollte  heißen – ohne eine Sekunde Pause: sprechen, sprechen, sprechen, oder auch singen, aber zwischendurch nur atmen und nicht zu viel nachdenken.

Die Methode erinnert natürlich stark an die „Ecriture automatique“ der französischen Surrealisten und ein wenig auch an den „stream of consciousness“ in der Literatur seit Joyce. Mich hat allerdings vor allem das Repetitive und Mechanische in diesen Sprachströmen interessiert. Wenn man gezwungen ist, immer weiterzusprechen, verlässt man sich zunächst auf Konventionen und Schablonen, das ist normal und gehört zum Prozess dazu. Später verliert man irgendwann die Kontrolle und verheddert sich unweigerlich in Wiederholungen. Man beginnt zu suchen, statt zu finden. Das waren die Stellen, die mich in erster Linie interessiert haben.

Es sind Passagen, in denen sich Assoziationen in winzigen Schritten weiterentwickeln und dank der Erfahrung der Echtzeitmusiker oft eng mit dem Klang der Wörter verbunden sind. Die Echtzeitmusiker haben ein Gefühl dafür, alles, – und sei es auch noch so banal, oder aus Fehlern und Lücken entstanden -, als Material zu betrachten und in einer Weise „am Ball“ zu bleiben, nicht zu springen, oder etwas als „uneigentlich“ auzusortieren, sondern etwas zu entfalten, das ich in vielen Konzerten immer wieder beeindruckend finde.

 

„rochenununterbrochen“ wurde 2007 im WDR „Studio Akustische Kunst“ produziert und erhielt beim Phonurgia Nova Wettbewerb in Arles eine lobende Erwähnung.

 

Mit: Antonia Baehr, Sebastiano Ciurcina, Axel Dörner, Kai Fagaschinski, Fernanda Farah, Margareth Kammerer, Christian Kesten, Annette Krebs, Barbara Loreck, Chico Mello, Andrea Neumann, Ana Maria Rodriguez, Caroline Scholz, Britta Steffenhagen, Sabine von der Tann und Anouschka Trocker.