Die Zähler

Die Zähler

WDR Studio Akustische Kunst 2004

Zahlenketten schichten sich übereinander, rattern im Kopf, bilden polyphone Rhythmen. Ein Paralleluniversum wächst heran, von dem andere nichts bemerken. Zähler zählen auch während sie sich unterhalten, telefonieren, arbeiten. Treppenstufen, Autos, Schritte. Die Bewegungen der Zahnbürste, Schlucke beim Kaffetrinken, die Wörter des Radiomoderators….. alles und immer wieder von vorn. Langsam entwickeln die Zahlen dabei ein Eigenleben und nehmen sich immer mehr Raum.

Für die Zähler habe ich ca. zwanzig bis dreißig Personen in Deutschland, England und Italien interviewt. Einige haben nur einen kleinen Tick, andere sind eindeutig krank, z.T. arbeitsunfähig. Aufnahmen von „Normalen“ und „Kranken“ habe ich bewußt gemischt, um nicht einen Psychoexotismus zu bedienen, vielmehr sollten die Grenzen verwischen, um zu zeigen, dass Zählen sowohl ein Alltagserscheinung wie auch eine Manie sein kann. Mir ging es in erster Linie darum, um eine gedankliche Rhythmik hörbar zu machen. Das Zählen geschieht normalerweise nur im Kopf, hat aber, wenn es ausgesprochen wird, immer einen besonderen Rhythmus, der den Menschen oft erst in der Situation des Interviews klar wird. Diese Kopfmusik läuft parallel zu anderen Gedanken und Gesprächen im Hinterkopf ab.In meiner Klangkomposition nehme ich einerseits die Welt der Objekte auf, andererseits die Rhythmen des Zählens. Dabei verwende ich zunächst hauptsächlich Geräusche, die eine gewisse rhythmische Struktur, aber keinen Beat haben. Im Laufe der Zeit ist es dabei fas tunvermeidlich, dass auch die Hörer des Stückes beginnen, sich auf die rhythmischen Strukturen dieser Geräusche zu konzentrieren und womöglich sogar selbst bestimmte Muster abzuzählen. Das Stück soll eine unbekannte Innenwelt eröffnen und die Ambivalenz von Reiz und Gefahr der obsessiven Einteilungen zeigen.