Abkürzungen und Umwege

 

Antje Vowinckel

 

Abkürzungen und Umwege

 

10  Wurfsendungen

 

 

„Wenn und aber“

 

Ariane von Zumse schielte. Schon seit ihrer Geburt. Mit dem einen Auge strebte sie zum „Wenn“, mit dem anderen zum „Aber“. Irgendwann lagen das „Wenn“ und das „Aber“ so weit auseinander, dass ihre Augäpfel beim Schielen hinausrutschten. Mit einem pfeifenden Geräusch flogen die beiden Kugeln in entgegengesetzte Richtungen davon und verschwanden in der Ferne hinter den Wolken. Sie umkreisen nun beide die Sonne, jedes Auge auf einer anderen Bahn. Nur alle zehneinhalb Monate begegnen sie sich dabei. Dann scheinen das „Wenn“ und das „Aber“ sehr nahe beieinander zu liegen. Und es gelingt der Zumse, mit beiden Augen in eine Richtung zu blicken – weit in die Tiefe des Weltalls. Neulich entdeckte sie dort ein schwarzes Loch.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Gutes  Benehmen

 

Frau Meyer war sehr bemüht, ihren Sohn, Herrn Meyer, zu gutem Benehmen zu erziehen. Alle waren sich einig, dass sie darin erfolgreich war. Doch dann passierte dies: Meyer ging in ein Pfandhaus und vergaß sich. Niemand vermisste ihn wirklich. Einige kamen vorbei, boten aber zu wenig.  Nach ein paar Jahren hatte auch Frau Meyer ihren Sohn vergessen. Nach weiteren Jahren versuchte eine gewisse Victoria S. in demselben Pfandhaus ihren Schmuck auszulösen. Der Schmuck war jedoch bereits versteigert, und so akzeptierte sie kurzerhand Herrn Meyer als Ersatz. Nach der Hochzeit nahm sie den Namen ihres Mannes an und bekam bald ein Kind. Frau Meyer war sehr bemüht, ihren Sohn zu gutem Benehmen zu erziehen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Abkürzung

 

„Wohin des Weges?“, fragte die Abkürzung den Umweg und setzte sich auf eine Bank. Der Umweg aber wand sich, verschlang sich, kurvte und kreuzte sich, traf nach einigen Baustellen eine weitere Abkürzung, folgte dieser blindlings und endete.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Mörder

 

Es gab eine Leiche. Es gab einen Detektiv. Aber es fehlte der Mörder. Vincent war ein Mörder. Er hatte Sally umgebracht, weil sie zuviel von seinem Geld ausgab. Harry war Detektiv. Er wußte davon. Aber das tut nichts mehr zur Sache, denn Vincent selbst war nun ermordet worden. Dafür käme Gloria Winterfeld in Frage oder ihr Bruder Wolfgang, aber auch Winfried Becker oder Dick Heinz oder dessen Zahnarzt oder Sallys Cousine, bzw. deren Mann, der Schauspieler, oder dessen kleiner Bruder Guido, der Italiener, der ein Internetcafe besitzt, oder Sabine, die ausgewanderte Bäckerstochter oder Frau Meyrich, ihre Tante, die jetzt Verkäuferin im Schuh-Center ist, oder ihre Chefin oder deren Callcenterstimme, die immer so schön säuselt, oder die schlaue Maggie oder sogar Paul oder Boris oder vielleicht war es auch eine Gemeinschaftstat.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Andrea

 

Bei einem Konzert, das im April in Italien gegeben wurde, hießen zufällig alle vier Musiker Andrea. Auch die eine Frau unter ihnen, eine Deutsche. Als das Konzert begann, war die Musik noch sehr leise. Zuerst spielte nur einer, dann kam der nächste hinzu usw. Auf diese Weise erzeugte das Quartett ein ganz langsam anwachsendes Crescendo. Schließlich  – sie waren schon ziemliche weit fortgeschritten, noch nicht wirklich laut, aber schon vollklingend – , schrie ein kleines Kind im Publikum kurz auf. Da gingen alle ungeplant und entgegen den Noten zurück mit ihrem Crescendo, ganz unregelmäßig, und dann gingen sie noch vor dem Ende des Stückes von der Bühne und traten nie wieder auf. Das war die Chance für ein neues Quartett, in dem nur zwei Mitspieler Andrea hießen.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Pizza

 

Ein kleiner dicker Mann las in einem Roman den Satz „Ich aß meine Pizza im Stehen“. Daraufhin ging er in eine bekannte Pizzeria und aß im Stehen ein Stück Siziliana. Zu Hause schrieb er darüber einen Satz. Dann fielen ihm viele Sätze ein, nach denen er lange gesucht hatte. Die Dinge liefen gut für ihn. Sein erstes Buch wurde veröffentlicht. Ein anderer Mann, von dünner Statur, las darin, dass jener dicke Mann seine Pizza im Stehen aß. So fand er ebenfalls heraus, dass er eine Geschichte, oder doch zumindest viele Sätze in sich trug, die er veröffentlichte. Ein weiterer Mann und eine große Frau fanden dann darin auch den Pizza-Satz, aber die Bücher dieser Personen waren wirklich erst der Anfang von allem.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Basketball

 

Olaf Palmspringer war 2, 04 m groß. Niemand in der Schweiz warf den Basketball so hoch wie er. Als er schließlich 2000 Punkte erzielt hatte, erschien ihm der Sport banal und er tauschte mitten im Spiel den Ball gegen ein gutes Buch. Man stellte ihn augenblicklich vom Platz. Palmspringer mietete sich daraufhin ein privates, einsam gelegenes Basketballfeld in den Alpen. Dort wirft er nun jeden Tag ein Buch in den Korb. Wenn er trifft, liest er das Buch, verfehlt er den Korb, verkauft er es in der Stadt.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Wimpern

 

Ein englischer Fußballspieler schoß mitten im Nebel überraschend ein Tor aus großer Entfernung, ungefähr vom Mittelpunkt des Spielfeldes. Kurz danach schoß er ein weiteres Tor, diesmal von der rechten Ecke und in der letzten Spielminute noch eines, wieder aus großer Entfernung. Eine Boulevardzeitung titelte am nächsten Tag:

er hat den Bogen raus. Doch dann schickte eine andere Zeitung einen Reporter und der fand heraus, dass die Krümmungslinie der Schüsse exakt dem Wimpernbogen des Fußballers glich. Daraufhin meldete sich ein Friseur, der eidesstattlich versicherte, er habe dem Fußballer etwa zwei Wochen vor dem Spiel eine künstliche Wimpern-Welle gelegt, eine neue kosmetische Errungenschaft, die gerade erst auf den Markt gekommen war. Die drei Tore wurden daraufhin aberkannt, der Verein stieg ab, die Boulevardzeitung porträtierte den Friseur und die seriöse Zeitung erhielt einen Preis für investigativen Journalismus.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Japan

 

Die Testfragen kamen zuerst auf Zetteln aus den japanischen Getränkeautomaten, anstelle der Flaschen.  Später mischten sich synthetische Stimmen beim Telefonieren ein, und man mußte immer Zwischenfragen beantworten. Schließlich ging die Sache auf Menschen über. Kassiererinnen im Supermarkt sagten nicht mehr „330 Yen, bitte“ sondern: „Bitte nennen Sie mir ein Wort mit fünf Silben, das nur aus den Buchstaben S –K – Z – I – U  besteht“.  Es bildeten sich lange Schlangen an den Kassen. Dann veränderten sich die öffentlichen Durchsagen. Zum Beispiel sagte der Busfahrer nicht mehr die Haltestelle an, sondern fragte: „ 5, 8, 12, 17, 23 – was kommt als nächstes?“ Im Jahr 2030 war ganz Japan zu einem Intelligenztest geworden. Niemand antwortete auf die Fragen. Aber das liegt nur daran, dass alle Antworten aus dem Land verschwunden waren.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Turnen

 

Ein Turnlehrer legte sich eines Tages in der Sporthalle auf den Boden – auf eine mittelblaue  Matte mit  vier  Schlaufen und geriffelter Oberfläche. Als er sich dort – nur mit einer Turnhose bekleidet -, ausgestreckt hatte, sah man eine kleine Benzinpfütze in seinem Bauchnabel. Am Nachmittag kam der Hausmeister, um sie anzuzünden. Da loderte eine hohe Feuersäule empor, die zwischen rosa und hellgrün changierte und sehr lange anhielt. Ungefähr drei Jahre. Der Turnlehrer überlebte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Der Zusammenhang

 

Gräfin Zuckerittri wartet an der Haltestelle mit ihrem Alligator auf den Bus. In diesem Augenblick verschluckt der Alligator die beiden Busfahrscheine, welche die Gräfin arglos in der Hand hält. „Moment, das haben wir gleich“, ruft der Elektromeister Schulz und – aber neine, in diesem Moment kommt der Bus, die Gräfin stolpert, der Elektromeister muß niesen, Bremsen quietschen, alles rennt durcheinander, und im Tumult der Ereignisse steigt der Alligator ein, ohne die Fahrkarte abzustempeln.

Der Bus schaukelt. Der Alligator denkt nichts. Gräfin Zuckerittri denkt an den Grafen. Elektromeister Schulz denkt im Zusammenhang. Als der bus die Enstation erreicht, bugsiert die Gräfin den Alligator nach draußen. Ihm ist übel. Er plumpst in den Schnee. Augen zu. Ohnmacht. Er kommt wieder zu sich und watschelt hinter der Gräfin her. Seitdem liegt in der Buskehre der Endstation der eingeschneite Inhalt eines Alliogatormagens. In der Mitte des kleinen Eisberges steckt festgefroren die unbenutzte Busfahrkarte.

Die Gräfin Zuckerittri betritt die Kirche und betete für die Scharzfahrer, dann kehrt sie um. And der Bushaltestelle wartet schon Elektromeister Schulz und hält alles Nötige bereit. Er reicht dem Tier eine vergiftete Wurst. Der Alligator rollt die Augen, die Gräfin erbleicht, der Bus kommt näher, als der Alligator zuschnappt. Schon nach einem Bissen schwankt er und verwandelt sich in einen Fön. „Aber er hat doch gar keinen Strom!“, ruft die Gräfin. „Moment, das haben wir gleich“, ruft Elektromeister Schulz und, aber schon weht die warme Luft über den Auswurf des Alligators und gibt die verhängnisvolle Fahrkarte frei, welche die Gräfin flugs abstempelt, um der Schamck des Verbreches zu entgehen. So hatte Gott ihr Gebet erhört.

 

 

Arie

 

Ich bin die Meisterein des Konkunktivs.

Aus jeder Antwort

mach ich zehn Fragen:

Entweder oder

Wenn und Aber

Gerade wart ich auf die Hochkonjunktur.

Ob sie aber über Oberammergau

oder aber über Unterammergau

oder aber überhaupt nicht kommt,

ist nicht gewiss,

das ist Beschiss.