Artists and Residents

Artists and Residents

Tagebuchnotizen aus Los Angeles (Winter 2008)

Ankunft

5. Januar. Ankunft in Los Angeles. Ich wuchte meine beiden Koffer vom Band und freue mich auf mein  Auto, das ich von Stipendiat T. übernehme. Gleich, in wenigen Minuten, wird er es mir übergeben, bevor er selbst nach Deutschland zurückfliegt. Während ich mich auf dem Weg in die Ankunftshalle frage, wie wir uns überhaupt erkennen sollen, sehe ich schon einen Zettel mit meinem Namen und atme auf. Allerdings zu früh. T. ist zwar da, aber das Auto ist futsch. Auf dem Weg zum Flughafen hat T. in letzter Sekunde ein Stoppschild mißachtet und damit einen Polizisten auf sich aufmerksam gemacht. Ob er „resident“ sei , hat der ihn gefragt und T. hat sich gedacht,  „Ich bin artist-in-residence“, also: „Yes, Sir“. Residents – Einwohner – , müssen aber einen californischen Führerschein vorzeigen, und weil T. das nicht konnte, hat der Cop das Auto auf der Stelle konfisziert. Jetzt steht es irgendwo bei einer Abschleppfirma, und ich kann zusehen, wie ich es dort wieder herauslöse.

 

Vons

7. Januar. Bei „Vons“ gibt es frische Lebensmittel. Mit einer Kundenkarte bekommt man Rabatt auf viele Dinge. Genaugenommen bekommt man kaum etwas ohne Rabatt. „Buy one, get one free“ heißt es überall. Ich kaufe Milch und Brot. Es ärgert mich, dass es Milch nur in Litertüten gibt, denn ich nehme immer nur ein paar Tropfen für den Kaffee. Auch Brot brauche ich nur wenig, weil M. meistens kocht, und wir dann warm essen. Ich freue mich daher, dass das Brot und die Milch auch nach drei Tagen noch frisch sind. Auch nach vier, nach fünf, nach sechs Tagen, keine Anzeichen von Schimmel am Brot oder saurem Geschmack in der Milch. Auch am siebten Tag nicht, am achten, neunten und zehnten Tag nicht. Nach vierzehn Tagen ist die Milch verbraucht, und der Rest Brot immer noch wie am ersten Tag.

 

Luxus

10. Januar, aber ein Wetter wie im Sommer. Wir legen uns alle in die Liegestühle im Garten und blinzeln in die Sonne. Der Garten geht nach Südosten, und weil die Sonne tief steht, wandert der Schatten schnell. Also müssen wir alle paar Minuten unsere Liegestühle verrücken. Das machen wir ein paar Tage lang. Dann holen wir die restlichen Liegestühle und verteilen sie im Garten. Dank Martha, der Sammlerin, gibt es mehrere Dutzend Stühle verschiedenster Art im Haus. Jetzt steht der ganze Garten voller Stühle, und wir müssen sie nicht mehr verrücken, sondern nur noch uns selbst von Stuhl zu Stuhl bewegen.

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American Dreams

12. Januar. In den ersten Nächten träume ich immer diese American Dreams. So wie Hitchcock. Er träumte einmal eine geniale Drehbuchidee, und um sie nicht zu vergessen, schrieb er sie mitten in der Nacht noch auf. Am nächsten Morgen schaute er auf seine Notiz und las dort die Worte „boy meets girl! “. – Es muß etwas mit der Stadt zu tun haben. Ich träume banale Sätze wie „der Mond steht im Zimmer“ und glaube im Traum, dies sei die weltbeste Lyrik. Dann träume ich eine Melodie, nach der die ganze Welt tanzt, dann eine Erfindung; eine Delikatesse, die so verpackt ist, dass man bei Öffnen genauso viel Kalorien verbraucht, wie man hinterher verspeist. Ich weiß nie, worin das Problem bestand, ich fühle nur jedesmal ganz stark, dass ich die Lösung habe. – Aber dann, jeden Morgen um sieben Uhr, knipst jemand die Baustelle auf dem Grundstück unter uns an. Mexikanische Bauarbeiter sägen an meinen Traum herum. Die Bilder zerfallen in Teile und die Bruchstücke von Melodien, Gedichten und Erfindungen kullern den Hang hinunter. Manchmal versuche ich im Traum, ihnen hinterherzulaufen, aber vergeblich. Dieses mal werden die Geräusche lauter, die Baustelle kommt näher. Die Mexikaner sind schon in unserem Garten. Jetzt an der Treppe. Sie wollen alles zersägen, zerbohren, zerhämmern. Jetzt sind sie schon an meinem Bettpfosten, das Bett neigt sich zur Seite…

14. Januar. Noch ein Traum. Wieder sägen mich die Mexikaner morgens um sieben aus dem Tiefschlaf. Ich schaue aus dem Fenster. Da läuft ein Mann in den Wolken. Er läuft herum mit einem Aktenkoffer. Ein verstreuter Investmentmanager. Jetzt sitzt er auf einer Wolke und spricht in sein Handy. Guckt auf die Uhr. Während er redet, nähert sich eine andere Wolke. Er versucht telefonierend sie anzuhalten und herüberzuklettern, aber er findet keinen Halt. Er hält nur ein Stück Watte in seiner Hand. Er schaut sich verärgert um. Keine anderen Wolken. Er wischt sich über die Stirn. Er weiß nicht, wie er dort hingekommen ist. Ich weiß es auch nicht. Soll er doch warten bis es regnet.

 

Die Betties

15. Januar. Jeden Dienstag kommen drei Putzfrauen aus Guatemala oder besser gesagt, es kommen drei guatemaltekische Putzfrauen, keine größer als 1, 50. Nur Betty, die Anführerin, kann Englisch, und weil wir mit den anderen sowieso nicht reden können, heißen alle zusammen immer nur „die Betties“. Die Betties machen die Betten, die Badezimmer, sammeln herumliegende Sachen ein und finden für alles einen Platz, den man dann allerdings selbst nicht entdeckt, und fragen kann man sie ja auch nicht. Also muß man vorher selbst aufräumen, sonst findet man seine Sachen nie wieder. Dafür kann man aber seine nassen Socken in der Waschküche herumliegen lassen und sie werden sie trocknen, die Paare zusammensuchen und aufrollen.

 

Garten

20. Januar. Jede Nacht um eins schaltet sich die Gartensprenganlage ein, deswegen ist jeden Morgen der Rasen naß, und wenn es die Baustelle nicht gäbe, würde man jeden Morgen hören, wann Takehito wandern geht, weil seine Turnschuhe auf dem Rasen quietschen. So bleibt es ein Sonntagsgeräusch.

 

 

Humble

27. Januar. Abends beim Essen mit den Gästen reden wir eine halbe Stunde lang über das englische Wort „humble“ und seine Übersetzungen ins Deutsche. Gibt es nicht auch „humble-bees“, fragt eine Praktikantin. Nein, es sind „bumble-bees“, aber von „humble bees“ kommen wir auf „humming birds“, und am nächsten Tag kauft M. eine Humming bird- also Kolibri- Futter-Ampel. Sie ist knallrot und mit einer speziellen Nährflüssigkeit gefüllt. M. probiert jede Stelle im Garten aus. Mal hängt die Ampel im Baum, zehn Minuten später steht sie am Wasserbecken, dann auf der Treppe, dann im Blumenbeet – ohne Erfolg. Die Kolibris sind möglicherweise humble birds, sie nähern sich der Ampel höchstens auf zehn Meter.

 

Champagne of Waters

1. Februar. Wir lernen, was eine Erfolgspraktikantin ist. Eine Erfolgspraktikantin ist nicht eine, die gut arbeitet und auch nicht eine, die mit einem Stipendiaten anbandelt, sondern eine, die in die Nachbarschaft einheiratet. K ist eine. Sie ist Ende zwanzig und hat T, 50, geheiratet. T. importiert die Mineralwassersorten Evian und Volvic aus Frankreich in die USA und hat außerdem eine eigene Mineralwassersorte kreiert, die in roten Plastikflaschen verkauft wird, den „Champagne of waters“, wie er sagt. Er will immer von uns wissen, was wir beim Anblick der roten Flasche assoziieren, wahrscheinlich um seine Werbeabteilung zu überprüfen. K. liebt T. Nur die Zimmeraufteilung in seinem Haus hat ihr nicht gefallen, er hatte ein 100qm-Schlafzimmer statt mehrerer 20qm-Kinderzimmer, deshalb lässt sie das Haus jetzt umbauen. Für die Umbauzeit haben sie ein anderes Haus ein paar Meter weiter mit ebenso schönem Meerblick gemietet gemietet. K. ist nett, klug, fährt Cabrio, und trägt schicke Kleider. Sie ist nur traurig, weil es in der Gegend nicht weitere Erfolgspraktikantinnen gibt, bzw. überhaupt Menschen in ihrem Alter. Wenn ich die roten Plastikflaschen sehe, denke ich immer an Essig.

 

Interview mit Doctor Clavin

9. Februar. Ich interviewe Dr. Clavin und höre mir zum x-ten Mal an, dass Natürlichkeit das Wichtigste bei einer Schönheitsoperation sei. Ich kenne die Predigt schon, nicke eifrig und lasse meinen Blick schweifen. Hinter Clavin steht eine gläserne Box mit verschiedenfarbigen Quallen. Hellgrün, hellblau, und milchweiß. „Ach, da kommt meine Frau“, sagt Clavin jetzt, „die können sie auch gleich befragen, ich habe sie selbst operiert“, steht auf und verläßt das Zimmer, um Mrs. Clavin zu begrüßen. Ich nutze den Moment und stibitze eine Qualle aus dem Glaskasten. Dann interviewe ich Mrs. Clavin. Sie ist 59, sieht aus wie 42. Solange sie normal guckt, durchaus natürlich. Allerdings lacht sie gern, und ich frage mich schlagartig, was ihr Mann gedacht hat, als er das Ergebnis seiner Operation gesehen hat. Nichtsdestoweniger findet auch Mrs. Clavin, dass Natürlichkeit das wichtigste sein. Ich kann ihr nicht mehr ins Gesicht sehen und lasse meinen Blick wieder schweifen. Da – wieder so eine Quallenbox. Ich begreife nun, dass es sich um Brustimplantate handelt, Demonstrationsobjekte für Patientinnen. Kurz darauf verabschiede ich mich, kaufe unten noch einen Hamburger, den ich im parkenden Auto esse und sehe mir noch einmal die hellblaue Brustqualle an. Ich lasse sie in die Big Mac Schachtel plumpsen, in die sie genau hineinpaßt. In diesem Moment, klopft es ans Fenster. Ein wild herumfuchtelnder Cop schreit mich an: „Go, go!!!“. Ich zucke zusammen und will ihm gerade die Hamburgerschachtel mit der Brustqualle reichen. So schnell haben sie den Diebstahl entdeckt? Aber er will nur, dass ich schläunigst wegfahre, weil der Platz auf dem ich stehe, eindeutig kein Parkplatz ist.

 

KXLU

12. Februar. Auf dem Weg nach Westwood entdecke ich einen neuen Radiosender KXLU: auf 88.9. Die Moderatorin klingt wie am Ende eines langen Telefongesprächs, wenn man jemanden loswerden will, aber sich nicht traut aufzulegen. Mit einer Stimme, die kaum zu hören ist, sagt sie, dass sie nicht wisse, wie das Album heißt, von dem der letzte Song stamme, aber der Sänger hieße Erik, oder auch Erek, Erak oder so ähnlich, und wenn jemand es genau wüßte, könne der ja anrufen. -Ich weiß nicht, ob die Moderatorin mich mehr abstößt oder anzieht, auf jeden Fall interessiert mich die Musik und besonders der nächste Song, der ein bißchen an Robert Ashley erinnert. Weil ich es unbedingt genau wissen will, fahre ich in Westwood auf den Parkstreifen, um auf die nächste Ansage zu warten, auch wenn die Moderatorin es dann vielleicht wieder nicht weiß. Ich stecke mein ganzes Kleingeld in die Parkuhr, setze mich wieder ins Auto und stelle die Sitzlehne zurück. Die Sonne knallt auf das Dach. Es wird warm im Auto. KXLU bringt Klavierjazz. Links neben mir rauscht der Verkehr vorbei. Rechts laufen Jogger auf dem Bürgersteig. Die Straße vor mir steigt leicht an. Ein roter SLK 230 Mercedes „Compressor“ parkt vor mir ein, und ein Opa mit Sonnenbrille steigt aus. In meinem Auto staut sich die Hitze. Jetzt kommt ein arabisches Gesangsstück. Ich stelle mir die Moderatorin vor, wie sie gerade ihre Fußnägel lackiert und gähnt. Ich gähne auch. Der Schweiß läuft mir die Stirn herunter. Der nächste Song beginnt mit Schlürfgeräuschen und Gurgeln der Sängerin. Plötzlich fällt mir ein, dass der Wagen eine Klimaanlage hat. Sie brummt laut, aber die Sängerin hält mit. „I don’t know what I am singing so loud, glglglg.“ Ich glaube ihr. Auf meiner linken Seite kommt ein Schwarzer mit einer seltsamen überdimensional großen Bierflasche die Straße heruntergelaufen. Er prostet irgendjemandem hinter mir zu. Die Gurgelfrau singt „zayonara asabarablablabla“. Langsam richte ich mich ein in diesem Leben auf dem Parkstreifen in Westwood. In Gedanken proste ich dem Jogger zu und überlege, wo er hinläuft. Da- jetzt kommt die Moderatorin wieder. Der Song, auf den ich die ganze Zeit gewartet habe heiß „Contents of my Purse“ und stammt von Robert Ashley.

 

Zeitung

21. Februar. In der L.A. Times steht, man habe herausgefunden, dass die Amerikaner an ihrer Fettleibigkeit nicht selbst schuld seien. Vielmehr liege es an den Restaurants, die immer zu große Portionen servieren. Jetzt soll die Größe der Portionen gesetzlich geregelt werden.

 

Larven

8. März. Schon im Morgennebel kann man im Pazifik Schwärme von Surfern sehen. Sie liegen in schwarzem Neopren bäuchlings auf ihren Brettern und versuchen mit den Händen rudernd, sich auf die Wellen zu schieben. Mit ihren Gummiköpfen sehen sie aus wie außerirdische Larven, die über Nacht angespült wurden und sich nun dagegen wehren, an Land zu gehen.

 

Wüste

26. März. Wenn ich mit dem Auto durch die Wüste fahre und meilenweit kein Auto vor und hinter mir fährt, fange ich nach einer Weile an, so laut zu schreien wie ich kann. Hoch, tief, auf allen Vokalen und Konsonanten. Dazu drücke ich ohne Unterlaß die Hupe. Wenn ich nicht mehr kann, fallen mir Lieder von vor langer Zeit ein, und ich wundere mich, was für Texte ich noch kenne. So kommt es, dass ich durch die Wüste fahre und singe: Ich bin Klempner von Beruf….Als ich zurück komme, sagt E., das würden alle machen. Das sei ein allgemeinmenschliches Phänomen, und er würde in der Wüste immer russische Trinklieder singen.

 

Death Valley

27. März. Morgens um neun barfuß durch den Wüstensand laufen und auf dem Hosenboden die Dünen herunterrutschen.

 

Führung

27. März. In Amerika wird man bei Führungen oft von einem Fotografen geknipst, der dann hinterher das Foto für 25 Dollar anbietet. Bei solchen Gelegenheiten knipse ich jetzt immer selbst den Fotografen. Dann ist das Foto, das er von mir macht, gleich wertlos.

 

Feuchtwanger

28. März. Ich soll keine Adjektive benutzen, sagt Christian. Aber das ganze Haus ist voll davon. Drei Bibliothskräume im unteren Stockwerk und zwei im oberen. Sie stehen überall: alte und neue, deutsche und englische, gedruckte und handschriftlich notierte. Die meisten Adjektive gibt es im Büro, dort wo Feuchtwangers eigene Bücher stehen. Da lauern sie in den Regalen: „verkapselt“, „bebrillt“, „langäugig“ und mein Favorit: „umkrustet“. Ich setze mich in den Garten und versuche kurz, mich umkrustet zu fühlen. Dann mache ich mir die Mühe und schaue nach, wie die Amerikaner das übersetzt haben. Tatsächlich lassen sie die Adjektive einfach weg. Jetzt weiß ich immerhin, warum Feuchtwanger im Ausland so erfolgreich war.