Imaginäre Städte

Imaginäre Städte

 

 

In Balleringen hatten Hörspiele einen solchen Erfolg, dass  auch das Staatsballett auf Bilder verzichten wollte. Man übertrug nur noch das Auftippen der Ballettschuhe, und das Gleiten der Füße bei Pirouetten, was auch den positiven Effekt hatte, dass die Balletttänzer und Tänzerinnen älter und dicker werden durften.

 

 

 

In Summingen wachsen Melodien wie Pflanzen aus dem Boden. Die Stengel haben fünf grüne Stränge, aus denen die tulpenartigen Töne wie Notenköpfe  zu allen  Seiten sterben. Im Frühling, wenn sie anfangen zu blühen, sind sie noch leise, nervös und ungestimmt. Im Sommer werden sie laut und triumphal und später im Herbst, begannen sie zu welken, so dass die Melodien langsamer und tiefer werden,  bis die Töne irgendwann ganz abfallen. Sie werden dann auf einem groflen Haufen in der Stadt entsorgt, von wo man noch ein paar Tage lang, ein tiefes Grummeln hören kann.

 

 

 

In Rumlingen wollten alle Leute berühmt werden. Sie begannen Anträge zu stellen auf die Zuteilung von Strassennamen. Die Strassennamen gingen jedoch schnell aus, so dass  man begann,  die Abschnitte zu verkleinern, – so lange, bis jede Strasse nur noch ein Haus lang war. Dann benannte man jede Strassenseite mit anderen Namen,  und als das Angebot zu knapp blieb, erhielten die Straßen Mehrfachnamen wie z.B. Andreas-Schmidt-Karla-Weiss-Sophie-Meister Strasse.

Die Postboten verlangten mehr Geld, weil die Arbeit komplizierter geworden war. Schließlich suchten sie sich Arbeit im Nachbarort, wo man einfach die Straflen verlängert hatte, um jedem einen Abschnitt zu geben. Dort verloren sich die Postboten bald aus den Augen,  und die Anträge liessen wieder nach.

 

 

 

In Rengingen kommt der Regen mit dem Schlaf. Daher staunen die Menschen dort, wenn sie morgens Wasser in den Pfützen sehen. Wenn jemand nachts wach bleibt, um aufzupassen, regnet es nicht.  Einmal  paßten sie so lange auf, dass alles austrocknete. Deswegen denken  die Regninger nun, dass das gemeinsame Schlafen den Regen bringt. Als es einmal  im Nachbarort Dörringen für lange Zeit sehr trocken war, schickte man einen Hilfstrupp dorthin.  Die Männer schlugen ein Zelt auf und legten sich gemeinsam mit den Leuten des Nachbarorts schlafen. Es führte aber nur dazu, dass es nicht mehr hell wurde in Dörringen.

 

 

 

In  Japan gibt es bekanntlich öffentliche Toiletten, die mit einer Geräuschtaste ausgestattet sind, um das Geräusch der  Wasserspülung abzuspielen. Auf diese Weise wird verhindert, dass die verschämten Japaner die Wasserspülung immer zweimal betätigen, zuerst nur, um ihr eigenen Geräusche zu übertönen, dann um ihre Ausscheidungen herunterzuspülen. Weil das so gut funktioniert, haben sich die japanischen Ohren immer weiter sensibilisiert, so dass nun auch Schnupfen und Husen als peinlich empfunden werden.  In Mantiko regeln die Menschen das Problem mit ihren Handys, die diese Ger‰usche mit sogenannten Mantelgeräuschen übertönen, bevorzugt sind Gong, Tik-tak und Boing oder „Gesundheit“.

 

 

 

In Fühlingen ist es gelungen, die chemische Substanz von Gefühlen vollständig zu isolieren und in praktikablen handelsgängigen Tropfenflaschen abzufüllen. Es gibt Angst, Wut, Trauer und Freude. Überraschenderweise gehen alle Sorten gleich gut, was damit zu tun hat, dass die Einwohner die Tropfen nicht nur zum Eigenverzehr kaufen, sondern auch, um sie anderen ins Essen zu mischen.

Das führte nicht immer zum gewünschten Ergebnis. Es kann passieren, dass Autofahrer an Kreuzungen in allen vier Richtungen still stehen und sich kaputt lachen, während die Fußgänger unbehelligt, aber laut fluchend die Straßen überqueren.

 

 

 

In Wettendassingen finden 94 % aller Zuschauer Formel-1-Rennen vollkommen langweilig, wenn dabei keine Motorengeräusche zu hören sind. Von diesen 94% wären  aber nur 6 % mit einer Rundfunkübertragung an Stelle von  Fernsehen zufrieden. Von den 6 % bevorzugen 68 % eine Stereo¸bertragung und von diesen 68 glauben 77% anhand der Stereoaufnahme erkennen zu können, wer gerade in Führung liegt.

 

 

 

In Schwetzingen sollten die Männer lernen, ihren Frauen zuzuhören. Weil ihnen das schwer fiel, wurden sie angehalten, die Erzählungen der Frauen aufzunehmen und zu Übungszwecken mit in den Unterricht zu bringen. Dort sagten sie dann „ja,ja“ und „Du hast Recht“, nahmen auch diese Sätze auf und brachten die Aufnahmen ihren Frauen mit nach Hause. Diese hatten aber inzwischen in anderen Kursen gelernt, nicht mehr so viel zu reden,  und so hingen die Männerstimmen irgendwie merkwürdig in der Luft.

 

 

 

 

In Greuschingen lösten sich die Geräusche immer öfter von ihren Quellen ab. Es gab Schritte, die in der Stadt umhergingen, ohne dass ein Mensch dazu zu sehen war. Trotzdem grüßten alle freundlich. Es gab auch einen Bus, der regelmäßig fuhr und an allen Stationen hielt, sowie einen Tennisball, der an unterschiedlichen Stellen von einem unsichtbaren Schläger zurückgeschlagen wurde. Einmal traf der unsichtbare Tennisball den unsichtbaren Bus und eine Scheibe ging zu Bruch. Wie aus dem Nichts fielen die sichtbaren Scherben auf die Strafle. Seitdem klebt das Geräusch der Scherben am Tennisball und ein Glasscherbenkehrdienst muflte eingerichtet werden.

 

 

 

 

Am 13. Februar 1982 forderte ein Lokalsender in  Quizingen die Hörer auf, ein Geräusch zu erraten. Zunächst gingen die Lösungsvorschläge minütlich ein, doch niemand erriet das Geräusch. Der Sender hatte vergessen ein Zeitlimit zu nennen und muß nun aus juristischen Gründen die Leitung in Quizingen freigeschaltet lassen, bis sich ein Hörer mit der richtigen Lösung meldet. Das ist bis heute nicht geschehen. Die Rateversuche werden weniger, vor allem seitdem in einem langen Rechtsstreit geklärt wurde, dass Wiederholungen nicht mehr über den Sender gehen müssen. Noch heute versuchen immer wieder Menschen das Geräusch zu erraten, allerdings kommen die Vorschläge nur noch alle paar Wochen. Man setzte das Radioprogramm endlich wieder fort und nahm in Kauf, dass es zu jedem Zeitpunkt für einen neuen Lösungsvorschlag unterbrochen werden muß.

 

 

 

 

 

 

In  Schwingingen war es immerzu trocken, warm und windstill. Deswegen bauten sich die Einwohner dort irgendwann riesige Schaukeln, mit denen sie von Norden nach Süden oder von Osten nach Westen über die Stadt und auch wieder zurück schwingen konnten. Eine Ampel regelt die Abschwungphasen. Aber das ist noch nichts gegen St. Horie am Meer, wo man den Horizont pflasterte, um eine große Strecke in kurzer Zeit zurücklegen zu können.