Terra Prosodia

Terra Prosodia ist eine Serie von Sprachkompositionen zwischen zwei und sieben Minuten L√§nge, die auf vom Aussterben bedrohten europ√§ischen Dialekten und Sprachen beruhen. Im Sommer 2011 bin ich in verschiedene Regionen gereist und habe Sprecher der verschiedenen Sprachen an ihrem¬† Wohnort aufgenommen. Sie haben jeweils eine kurze Geschichte erz√§hlt, die auf einem pers√∂nlichen Erlebnis beruht. In der kompositorischen Arbeit spielen die Inhalte dieser Geschichten jedoch keine Rolle mehr. Vielmehr habe ich mich auf die Melodien in diesen Dialekten konzentriert und den Sprachaufnahmen jeweils eine zweite, instrumentale¬† Melodiestimme hinzugef√ľgt, durch welche auch die Melodie der Sprachstimme hervorgehoben wird. Es ist beabsichtigt und wichtig, dass die Mehrheit der H√∂rer, also diejenigen, die nicht im selben Ort wie die Sprecher wohnen, den Inhalt der Sprachaufnahmen nicht versteht. Nur so k√∂nnen sich die Ohren f√ľr den melodischen Reichtum der verschiedenen Sprachen √∂ffnen.

Komposition

Beim Komponieren habe ich zun√§chst mit Hilfe einer Software ganz exakte melodische Abbildungen der Sprachverl√§ufe extrahiert. Es hat sich jedoch herausgestellt, dass diese Genauigkeit¬† nicht dem entspricht, was unser Ohr wahrnimmt. Vielmehr verh√§lt sich unser Ohr √§hnlich wie das Auge in der Tropfsteinh√∂hle, es ist immer auf der Suche nach bekannten Figuren, wie z.B. einem Adler, einem Hasenohr usw. Diese Figuren sind im akustischen Bereich die g√§ngigen Intervalle unseres temperierten Systems. Obwohl die Sprecher genaugenommen immer glissandieren, und die Intervalle st√§ndig differieren pickt sich unser Ohr doch immer besonders deutliche und wiederkehrende Figuren heraus. Diese machen dann f√ľr uns den typischen Charakter des jeweiligen Dialekts aus. Ein Sprecher, der mit einem anderen Tonsystem aufgewachsen ist, w√ľrde m√∂glicherweise andere Intervalle heraush√∂ren.

Hintergrund

Wir haben zur Zeit noch ca. 6000 Sprachen auf der Erde, die meisten sind jedoch vom Aussterben bedroht. Mein Anliegen ist nicht, diese Sprachen zu retten, sondern auf den melodischen Reichtum dieser Sprachen und die menschliche Ausdruckskraft √ľberhaupt aufmerksam zu machen. Gerade Sprecher, die ihr Leben in abgelegenen T√§lern oder Inseln verbracht haben, verf√ľgen √ľber eine viel st√§rker ausgepr√§gte Modulation im Sprechen. Diese Sprechweise und die damit verbundenen regionalen Eigenarten verlieren sich schnell, wenn man in der Gro√üstadt lebt. In den Metropolen wird flacher und melodisch √§rmer gesprochen. Nachdem Dialekte lange Zeit mit Folklore, provinziellen Theaterauff√ľhrungen und teilweise unliebsamen politischen Botschaften verbunden waren, m√∂chte ich mit meinem Projekt die Dialekte aus dieser Ecke herausholen und in einen abstrakteren, musikalischen Zusammenhang stellen.