Terra Prosodia

2011 | Ars Acustica, Komposition, CD,

WDR

Mit Unterstützung der film- und medienstiftung nrw

CD: gruenrekorder

Rumansch, Gutamal, Provencal, Wallis-Deutsch, Provencal, Gascon, Scottish-Gaelic

Lobende Erwähnung beim Prix Ars Electronica Linz

 

Zur Zeit werden noch ca. 6000 Sprachen auf der Welt gesprochen. Die meisten von ihnen werden bald verschwinden – mit ihnen ein großer melodischer Reichtum unserer menschlichen Ausdruckskraft. Dass die Dialekte und verschwindenden Sprachen nur von wenigen Menschen verstanden werden, hat jedoch immerhin einen Vorteil: erst wenn man den Inhalt nicht mehr versteht, lauscht man wirklich auf den Klang, und so entfalten die Sprachen erst weit weg von ihrer Region ihren musikalischen Reiz.

Was man findet, sind Melodien, die niemand sich ausgedacht hat. Sie entstehen impulsiv im Sprechen, allein aufgrund mündlicher Überlieferung. Die Landschaften scheinen sich darin mit melodischen Höhen und Tälern fortzusetzen. Oft bleiben einzelne Sätze wie ein Ohrwurm im Kopf sitzen.

In Terra Prosodia erzählen Menschen eine kurze spontane Geschichte, die auf einem persönlichen Erlebnis beruht. Geschichten von Unwettern, Ausflügen, Unfällen und ähnlichem.

In der Musik spielen die Inhalte dieser Geschichten keine Rolle mehr. Vielmehr konzentrieren sich die Stücke auf die Melodien in diesen Dialekten und fügen den Sprachaufnahmen jeweils eine zweite, instrumentale oder gesummte Melodiestimme hinzu.  Die zweite Stimme imitiert zunächst die Sprechstimme, wird dann aber zunehmend unabhängig und geht auch eigene Wege.

Während der Arbeit hat sich für mich herausgestellt, dass eine genauere Aufschlüsselung und Abbildung der Intervalle (die technisch möglich wären) keinesfalls überzeugendere Ergebnisse bringt. Im Gegenteil, der Ohrwurmeffekt beim Erinnern der Melodien beruht darauf, dass unser Gehirn bereits im Hören nach charakteristischen Figuren und Intervallen sucht und sich verhält wie das Auge in der Tropfsteinhöhle. In einer Unmenge von Stalaktiten und Stalagmiten sehen und erinnern wir immer nur einzelne typische Formen. „Schaul mal, das sieht aus wie….“

Dieser Mechanismus ermöglicht es uns überhaupt erst, von der Fülle der Formen etwas zu erinnern.